Herz aus Stein

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Eigentlich wollte ich mich für einen Artikel über Vorgärten im Internet inspirieren lassen. Das Ergebnis der Bildersuche war aber so gruselig (30 von 34 Bildern zeigen mit Steinen, Kies und Schotter totgestaltete Gärten), dass ich statt über schöne Vorgärten jetzt über ein Phänomen schreibe, was mir wirklich Sorgen macht.

Wenn ich solche Vorgärten „in echt“ sehe, läuft mir jedes mal ein kalter Ekel-Schauer über den Rücken und zwar so doll, dass ich im „Garten-Starter“ darüber geschrieben habe : „Für den ersten Eindruck bekommt man keine zweite Chance, heißt es. Welchen Eindruck soll man von Menschen bekommen, die den Vorgarten in eine Geröllhalde mit Buchskugeln verwandeln? Abgesehen davon, dass es nicht natur- und tierfreundlich ist, finden Unkraut oder Ahornsamen zwischen den Steinen ideale Bedingungen, um in Massen auszutreiben. Selbst das Unterfüttern mit Kunststoffgewebe hält sie davon nicht ab. Wie wäre es mit einem dicht bepflanzten Staudenbeet, statt bahnenweise Plastik und kiloweise Steine in den Garten zu karren? Danke! sagen Tiere und Passanten.“

Hier habe ich ja zum Glück etwas mehr Platz, mich über das Thema auszulassen und mit einigen Irrtümern aufzuräumen

„das ist so schön pflegeleicht“: Im ersten Jahr vielleicht. Aber mit der Zeit sammelt sich Erde und Samen zwischen den Steinen. Wer auf der Steinfläche knieen und Unkraut aus den scharfkantigen Steinritzen ziehen angenehm findet, muss mit einer gehörigen Portion Masochismus ausgestattet sein.

„es sollte nicht so viel kosten“: Wer eine solche Geröllhalde „anlegen“möchte, muss laut einem Hersteller für Gartenprodukte Mulchvlies, Metallpins zum Befestigen, Filterkies, noch eine Schicht Vlies als Trennschicht und die Deckschicht aus „Zier“kies auf den Einkaufszettel setzen. Erde dagegen ist in den allermeisten Vorgärten sowieso vorhanden, Pflanzen kann man günstig bei Nachbarn, befreundeten Gärtnern oder auf Pflanzenbörsen bekommen.

„das hat mir mein Gartengestalter empfohlen“: Wer sowas empfiehlt, ist sicherlich vieles, aber kein Gartengestalter. Mit Garten und Gestaltung haben solche Geröllflächen nämlich ähnlich viel gemeinsam, wie eine Plastikrose aus der Kirmesschießbude mit einer süß duftenden Rosa gallica. Dafür verdienen die „Gestaltungsfirmen“ sich mit dem Herankarren von tonnenweise Steinen eine goldene Nase. Der Rest (Nachbarn, Passanten, Tiere, Pflanzenvielfalt) guckt in die Röhre, bzw. noch schlimmer: auf Einheitsgrau.

„Kiesgärten sind gerade modern“: jaaaa, schon, aber ein Kiesgarten entsteht nicht dadurch, dass man sich einen Haufen Steine in den Garten kippt. Wer wissen will, wie ein Kiesgarten angelegt wird, guckt bitte hier oder hier – aber nicht bei Portalen wie gartenundsteine24.de, baustoffhandelxxl.de – oder was auch immer.

Nature rules

Garten-Ansichten heißt die Rubrik und ihr habt euch wahrscheinlich auf Bilder von Gärten gefreut, die vor Schönheit strotzen und nun bekommt ihr nen Schutthaufen vorgesetzt. Zwischen Betonpflaster, akkurat gestutzer Scheinzypressenhecke, Mülltonnen. Einziger Lichtblick: der knallgelb blühende Huflattich (Tussilago farfara).

Was das soll? Ganz einfach: man kann an diesem Bild ziemlich viel über das Gärtnern lernen.

1. Einfalt, nein danke! Erschreckenderweise sind tatsächlich viele Gartenbesitzer der Ansicht, dass ein solcher „Steingarten“ eine feine Sache sei. Leicht zu pflegen und immer ordentlich (der Schutthaufen gehört nicht zur Gestaltung, siehe unten). Die Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren, die auch für uns Menschen überlebenswichtig ist, wird in solchen Betonwüsten leider per Pflasterstein verdrängt.
Mein Anliegen wäre: Wer einen Garten hat, sollte sich klarmachen, dass er Verantwortung für ein Stück Natur übernimmt. Dieses Stück gehört wie Wälder, Wiesen, Flüsse zum großen Ökosystem Erde – und du hast die Chance es lebenswert zu gestalten. Wie du Vielfalt in den Garten bekommst, erklärt zum Beispiel der NABU.

2. Wer die passende Pflanze wählt, hat schon gewonnen. Der Schutthaufen ist Ergebnis eines Nachbarschaftsstreites. Die Nachbarn können sich nicht einigen, wer die Auffahrt pflastern soll, also tut es keiner. Es profitiert: der Huflattich. Er liebt Boden, der viel Kalk enthält und sich schnell erwärmt und hat sich ganz von selbst zwischen den Steinen angesiedelt.
Der Tipp für alle Gärtner heißt also: erst den Garten kennenlernen, dann bepflanzen. Wenn ich die Pflanzen setze, die mit Boden und Lichtverhältnissen klarkommen, die dort herrschen, braucht es kaum noch Pflege, damit sie wachsen.

3. Pflanzen sind ganz schön schön. Wenn der Huflattich überhaupt bemerkt wird, wird er von den meisten als Unkraut eingestuft. Dabei hat er diese knallgelben Blüten, die auf sehr abgefahren geformten Stängeln sitzen. Außerdem treiben die Blätter erst nachdem der Huflattich geblüht hat – man kann das knallgelb also pur genießen.
Irgendwie ist es doch auch ganz schön zu wissen, dass man sich, wenn man genauer hinsieht, eine Menge Unkraut jäten ersparen kann…