Einmal waschen und wachsen bitte

Ich gebe zu, mein Auto macht gerade harte Zeiten durch. Ich löse meinen alten Garten auf und transportiere täglich Pflanzen, erdverkrustete Spaten und eine in Jahren angelegte Sammlung an Blumentöpfen in seinem Minikofferraum. Als ob innere Verunreinigung nicht genug wäre,  hatten sich zwei Tauben derart heftig auf Motorhaube, Dach und Windschutzscheibe verewigt, dass ein Besuch in der Waschanlage unabwendbar war.
Ich verbrachte meinen Samstag also wie ein guter Deutscher: Erst Garten ausmisten, dann am Recyclinghof in die Schlange stellen, um das Ausgemistete entsorgen zu dürfen, anschließend Autowäsche.

Offensichtlich hatten alle anderen Bielefelder Autobesitzer ihren Wagen schon längst frühlingsfrisch gemacht oder die Szene ließ wo anders heißwachsen. Statt mich freundlich zu begrüßen, raunzte mich der Autowaschanlagenfacharbeiter an: „Alter, wie sieht denn dein Auto aus??!!“ Da ich es ja nicht selbst vollgeschissen hatte, hoffte ich auf Mitgefühl: „Ja, heftig, oder?“ „Ey schau dir mal an, wie das aussieht! Wie willst du das denn sauber kriegen, da muss du schon 20 mal hier durchfahren!“

Ich aber hatte einen Tag, an dem das Postivdenken mir leicht fällt und war mir ziemlich sicher, das Problem mit einer einzigen Wäsche beheben zu können, außerdem wenig Lust unnötige Summen in die Autowäsche zu investieren und vor allem hätte ich statt beschimpft zu werden, gerne endlich mit der ersten der von ihm angedrohten 20 Wäschen angefangen. Mein Vorschlag wurde wutschnaubend und mit einem dahingeschnodderten „Na wenn du meinst…“ akzeptiert, während sich die Hand gierig nach meinem Geld streckte.

Endlich durfte ich meinen Wagen durch die heiligen Hallen der Autofetischisten ziehen lassen. Meinetwegen dürfte das Autowaschen Stunden dauern. Ich liebe es zuzusehen, wie weißer, fluffiger Schaum in schweren Tropfen auf die Scheibe platscht, 1000 Lappenfinger das Auto von allen Seiten betasten und wie mir zum Abschieddie flusigen Arme einer Polierschaumkrake  zuwinken. Ich fühle mich wie in der Märchenbahn im Freizeitpark – nur dass Metallica statt mechanisches Vogelgezwitscher den Soundtrack bildet und mir keine Fremden zartpinke Zuckerwattewolken ins Gesicht drücken.

Viel zu schnell wurden Auto und ich wieder ausgespuckt. Kurz dachte ich über den Vorschlag des freundlichen jungen Mannes am „Empfang“ über die 20er-Karte nach. Frisch glänzende Motorhaube, Dach und Windschutzscheibe ohne taubige Souvenirs überzeugten mich jedoch vom Gegenteil.

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